„Was sollen die Leute sagen?“ Warum ich jetzt erst mal mich frage

Über einen Satz, der leiser ist als jede Kritik. Und lauter als die eigene Stimme.

Es gibt Sätze, die hört man nicht. Man atmet sie ein. So lange, bis man nicht mehr weiß, wo sie aufhören und wo man selbst anfängt.

Bei mir ist es dieser: Was sollen die Leute sagen?

Er ist nie laut. Er schreit nicht, er verbietet nichts. Er stellt nur eine kleine Frage, kurz bevor ich etwas tue. Bevor ich etwas anziehe. Bevor ich etwas poste. Bevor ich sage, was ich wirklich denke. Und manchmal reicht diese kleine Frage, damit ich es lasse.

Diesen Text, diese Seite, MESTANCE – davon wusste bis heute fast niemand.

Ich habe den ganzen Weg bewusst für mich behalten. Mit niemandem darüber gesprochen. Nicht, weil ich mich geschämt habe. Sondern weil ich genau wusste, was sonst passiert wäre: Der Satz hätte mitgeredet. Was sollen die Leute sagen? Was könnten sie denken? Noch ein Projekt?

Früher habe ich geschwiegen, um nicht aufzufallen. Diesmal habe ich geschwiegen, um etwas zu schützen.

MESTANCE ist ein Herzensprojekt. Und bei einem Herzensprojekt ist nicht wichtig, was irgendjemand dazu sagt. Die Frauen, die es erreichen soll, wird es erreichen. Und alle anderen dürfen gern weiterscrollen.

Woher kommt er?

Ich bin mit diesem Satz groß geworden.

Meine Eltern haben sich getrennt, und ich bin viel zwischen ihnen hin und her gezogen. Vielleicht, um irgendwo meinen Platz zu finden. Schulwechsel, immer neue Freundeskreise. Und vor allem: nie allein, sondern immer in einer Beziehung.

Richtig angekommen bin ich dabei eigentlich nie.

Mit 17 bin ich ausgezogen. Und wieder zurück. Bis ich nach dem Abitur endlich meinen eigenen Weg anfangen konnte.

Wer so oft neu anfangen muss, lernt vor allem eines: genau hinzuschauen, wie man wirkt. Was die anderen denken. Wo man besser nicht auffällt. Was ein Kind in solchen Jahren lernt, steht in keinem Zeugnis.

Ein Kind zieht daraus seine eigenen Schlüsse. Nicht bewusst, sondern ganz leise. Wie es mir geht, ist nicht so wichtig wie das, was andere sehen.

Solche Schlüsse wachsen mit. Sie werden erwachsen, so wie wir. Nur dass wir irgendwann vergessen, dass sie nicht die Wahrheit sind – sondern nur das, was ein Kind damals verstanden hat.

Richtig eingegraben hat sich der Satz aber erst später. Im Berufsleben.

Dort bin ich auf einmal auf Ablehnung gestoßen, wie ich sie vorher nicht kannte. Ich sollte nicht dazugehören. Ich wurde ausgeschlossen. Und ich saß in Personalgesprächen, weil ich angeblich unnahbar war.

Unnahbar. Ein Wort, das man nicht widerlegen kann. Wie beweist man, dass man nahbar ist?

Es gab viele Erlebnisse im Arbeitsalltag, die nicht schön waren. Und sie haben mich mehr geprägt als alles davor. Denn wenn dir lange genug gesagt wird, wie du auf andere wirkst, fängst du irgendwann an, dich nur noch von außen zu sehen.

Genau da sitzt dieser Satz am tiefsten: Was denken die anderen über mich?

Was macht er mit mir?

Mein Leben ist nicht nach Plan verlaufen. Mit Anfang 20 wurde ich ungeplant Mutter. Ich habe den Beruf gewechselt, mehr als einmal. Ich habe etwas aufgebaut, das funktioniert – und lasse es jetzt bewusst los. Mit Mitte 30 kam unser zweiter Sohn. Ich bin eine Plus-Size-Frau, die trägt, was ihr gefällt.

Jede dieser Entscheidungen hatte eine Stimme im Hintergrund. Viel zu jung. Kann sie sich nicht entscheiden? Jetzt noch ein Baby? Kann sie das tragen?

Das Ehrlichste, was ich dazu sagen kann: Die meisten dieser Sätze hat nie jemand zu mir gesagt. Ich habe sie mir selbst gesagt. In genau dem Ton, den ich gelernt hatte.

„Die Leute“ sind meistens gar nicht da. Sie sind eine Stimme im Kopf. Und sie klingt erstaunlich oft wie wir selbst.

Der Satz hat mir nicht verboten, mein Leben zu leben. Er hat etwas Leiseres getan: Er hat mich klein gemacht, während ich es lebte.

Ich habe geschwiegen, wo ich eine Meinung hatte. Ich habe Erfolge kleingeredet, bevor jemand sie Angeberei nennen konnte. Ich habe Kommentare zu meinem Körper, meiner Erziehung, meinem Leben einfach geschluckt. Weil Widerspruch ja noch mehr auffällt.

Und das ist der eigentliche Preis. Nicht, dass man Dinge nicht tut. Sondern dass man sie tut und sich trotzdem die ganze Zeit ein bisschen dafür entschuldigt.

Wie tief dieser Satz noch sitzt, habe ich erst vor Kurzem gemerkt.

Ich habe mich entschieden, meine Fotografie erst einmal fast auf null herunterzufahren. Nicht mehr als Dienstleisterin zu arbeiten. Etwas loszulassen, das ich mir selbst aufgebaut habe, das funktioniert hat, auf das ich stolz war.

Im ersten Moment hat sich das angefühlt wie Versagen.

Nicht, weil es eine schlechte Entscheidung war. Sondern weil sofort diese Stimme da war: Wie wirkt das jetzt? Was denken die Leute? Dass sie es nicht geschafft hat? Dass sie wieder etwas hinwirft?

Und ich habe gemerkt, wie schnell ich bereit war, eine Entscheidung für mich als Niederlage vor anderen zu verbuchen. Bevor überhaupt jemand etwas gesagt hatte.

Aufhören ist nicht dasselbe wie Scheitern. Manchmal ist es das Mutigste, was man tun kann. Aber der Satz im Kopf kennt diesen Unterschied nicht.

Und es hört nicht bei uns auf.

Ich bin Lehrerin. Ich trainiere verschiedene Tanzgruppen mit jungen Mädchen und erwachsenen Frauen. Und ich sehe jeden Tag, dass dieser Satz nicht ausgestorben ist. Er hat nur ein Update bekommen.

Früher waren „die Leute“ die Nachbarn, die Verwandtschaft, das Dorf. Heute stecken sie in der Hosentasche. Sie sind immer da, auch nachts. Und sie haben einen Filter.

Aus „Was sollen die Leute sagen?“ ist „Was könnten die anderen denken?“ geworden. Die Frage ist leiser und gleichzeitig größer. Denn jetzt kann jeder zusehen.

Ich erlebe Mädchen, die klug, lustig und bildhübsch sind und sich trotzdem nichts zutrauen. Die sich nicht melden, obwohl sie die Antwort wissen. Die lieber in der zweiten Reihe stehen. Die sich mit Bildern vergleichen, die so gar nicht existieren. Nicht, weil sie nichts können. Sondern weil sie Angst haben, wie es aussieht, wenn sie es versuchen.

Das tut mir weh. Weil ich weiß, wie lange so ein Satz bleibt.

Und weil ich weiß, woher die Mädchen ihn lernen. Nicht nur vom Handy. Auch von uns. Davon, wie wir vor dem Spiegel über uns reden. Wie wir Fotos von uns löschen. Wie wir „Ich doch nicht“ sagen, wenn uns jemand etwas zutraut.

Unsere Kinder hören nicht nur, was wir ihnen sagen. Sie hören vor allem, was wir über uns selbst sagen.

Ich habe zwei Söhne. Und ich frage mich oft, welche Sätze ich ihnen mitgebe. Ohne es zu merken.

Darf er bleiben?

Ich will ehrlich sein: Ich bin keine Rebellin, die aus Prinzip alles anders macht. Rücksicht ist etwas Gutes. Sich zu fragen, wie das eigene Verhalten auf andere wirkt, auch.

Aber es gibt einen Unterschied zwischen Rücksicht und Selbstverleugnung. Rücksicht fragt: Tut das jemandem weh? Selbstverleugnung fragt: Könnte das jemand komisch finden?

Die erste Frage will ich behalten. Die zweite hat lange genug für mich entschieden.

Ich übernehme Verantwortung, für meine Kinder, meine Ehe, meine Arbeit und mein Handeln. Ich möchte nur selbst entscheiden, wie ich sie gestalte. Ein anderer Lebensentwurf ist nicht automatisch ein schlechterer. Er ist nur ein anderer.

Darum darf der Satz bleiben. Aber nicht mehr am Steuer. Er sitzt jetzt auf der Rückbank. Er darf sich melden, und manchmal tut er das auch noch. Aber entscheiden tut er nicht mehr.

Umgeschrieben:

Was sollen die Leute sagen?

Keine Ahnung. Ich frag jetzt erst mal mich.

Warum es MESTANCE gibt

Genau daraus ist MESTANCE entstanden. Nicht, weil ich alle Antworten habe. Ich bin selbst mittendrin.

Sondern weil ich glaube, dass viele von uns mit Sätzen leben, die wir nie selbst gewählt haben. Und dass wir sie weitergeben, wenn wir sie nicht anschauen. An unsere Töchter, unsere Söhne, an die Mädchen, die uns zusehen.

Ich möchte, dass die nächste Generation eine andere Frage im Kopf hat. Und dafür müssen wir anfangen. Bei uns.

Zum Mitnehmen:

– Welcher Satz entscheidet bei dir mit, obwohl du ihn nie gewählt hast?

– Was würdest du heute tun, wenn dich niemand bewerten würde?

– Und welchen Satz möchtest du auf keinen Fall weitergeben?

Wenn du magst, schreib mir deinen Satz. Ganz einfach über das Formular hier auf der Seite, gern auch ohne Namen. Oder auf Instagram, wenn du dort bist.

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